Die Rauhnächte

kundl_online
PHOTO-2020-12-21-15-01-14
Es ging und geht in den Raunächten immer um ein bewusstes Verabschieden des Alten und Begrüßen des Neuen.
 
Das Wort Raunacht wird unterschiedlich geschrieben, da der Ursprung des Namens nicht genau geklärt ist. Zum einen kommt es von rauh, so wie zu dieser Zeit auch das Klima rauh und kalt war, ebenso gibt es das Wort „ruch“ welches pelzig überliefert heisst und abgeleitet ist vom Aussehen der Dämonen. Aber auch der Brauch des Räucherns zeigt den Ursprung des Wortes, da in diesen Tagen das Räuchern eine ganz besondere Bedeutung hatte.
Die Tage/Nächte sind nicht genau festgelegt, da unterschiedliche Regionen unterschiedliche Abläufe und auch verschiedene Bräuche haben. Es gibt ganz unterschiedliche Reihenfolgen und Wertigkeiten der verschiedenen Tage. Eine Raunacht beginnt von Mitternacht und endet Mitternacht des folgenden Tages. Und eine andere Zählweise sagt sie beginnt in der Dämmerung und endet beim Morgengrauen.
PHOTO-2020-12-21-15-00-53
Zwölf »Rauhnächte« sind es zwischen dem 25. Dezember (der Mutternacht) und dem 6. Januar, wobei jede Nacht für einen Monat des nächsten Jahres steht. Die Nacht vom 24.12 auf den 25.12. steht also für den Januar des folgenden Jahres, die Nacht vom 25.12. auf dem 26.12 dem Februar des folgenden Jahres und so fort.
Es wird überliefert, dass in diesen Tagen die Schicksalsgöttinnen ihre Fäden für unser Leben weben.
Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft

Die bedeutendsten vier Rauhnächte sind:


Nacht auf den 21. Dezember : Längste Nacht des Jahres, Thomasnacht
Nacht vom 24. auf den 25. Dezember : Heilige Nacht
Nacht vom 31. Dezember zum 1. Januar : Silvester/Neujahr
Nacht auf den 6. Januar : Heilig drei Könige

Die Wintersonnenwende am 21.Dezember wird in vielen Kulturen mit zu den Raunächten gezählt, da sie die längste Nacht des Jahres ist und in dieser Nacht das Licht wiedergeboren wird. So war die Wintersonnenwende – auch Julfest genannt – ein wichtiges Jahreskreisfest unserer Vorfahren und leitete die Raunächte ein. Wir nennen sie auch Thomasnacht.

Es ist die Zeit ohne Zeit!

Diese Tage sind übriggeblieben als der Jäger und Sammler zum Ackerbauern wurde. Herrschte vorher die Zeitrechnung der Monatszyklen – die Monate – und diente als Berechnung der Zeit, stellte man nun den Mondkalender um und nutzte den Sonnenkalender, bzw gab es einen Luna-Solar-Kalender. Zählt man allerdings die Tage genau zusammen der Monate sind es ca. 354 Tage. Die Sonne umläuft die Erde in einem Jahr aber in ca.365 Tagen.

So ist diese Differenz der Grund, warum in diesen Tagen eine besondere Zeitqualität herrscht. Es sind übriggebliebene Tage und ebenso eine Schwellenzeit mit ganz magischen Kräften. Die längste Schwellenzeit des Jahres.

PHOTO-2020-12-21-15-02-48
Diese Tage hatten eine besondere Bedeutung in vielen Ländern dieser Erde. Es war eine heilige Zeit in der besondere Gesetze in Kraft traten. Während dieser Zeit wurden sogar Kriege unterbrochen und es herrschte Waffenstillstand.

Alle Jahreskreisfeste sind Schwellenzeiten so wie auch der Sonnenauf – oder Sonnenuntergang. Hier wirken besonders starke und magische Kräfte und man sagt ihnen nach, dass hier die Tore zur Anderswelt weiter geöffnet sind. Die Zeit steht still und wir sind sprachlos in solchen Momenten des Übergangs.

Die Rauhnächte sind Losnächte. „Los“ kommt von „losen“, „vorhersagen“.
Alles, was an diesen Tagen geschah, hatte eine besondere Bedeutung, selbst das, was scheinbar als unwichtig erschien: ob es Probleme gab, besondere Überraschungen, welche Begegnungen sich ergaben, ob die Tage friedlich und harmonisch verliefen, wie das Wetter an diesen Tagen war usw. Alles wurde akribisch aufgeschrieben, notiert und es wurde versucht es zu deuten um Vorzeichen für das kommende Jahr zu erhalten. Ebenso wurden allerlei kuriose Orakel befragt um einen Blick in die eigene Zukunft erhaschen zu können. (Unser Bleigiessen zu Silvester ist ein Überbleibsel davon) So wie die Raunacht abgelaufen ist, wurde es als Deutung für den zugehörigen Monat im kommenden Jahr betrachtet. Die erste Raunacht entsprach dem Januar, die zweite Nacht dem Februar usw….
PHOTO-2020-12-21-15-08-45
Es war aber auch eine Zeit voller Angst und Furcht, da die Wilde Jagd (meist waren damit die kalten und kräftigen Winterstürme gemeint) ihr Unwesen trieb. Man sagte der Wilden Jagd nach, sie habe Dämonen Geister und verlorene Seelen in ihrem Gefolge. Wenn diese sich in der Wäsche verfingen oder man ihnen in der Dunkelheit begegnet bringe dies großes Unheil Gleichzeitig war man erfreut, wenn die Wilde Jagd über die Felder wehte, da dies ein Zeichen für Fruchtbarkeit war. Deshalb wurden auch Essensgaben auf die Felder gegeben um gütig und wohlwollend zu stimmen.
PHOTO-2020-12-21-15-07-37
Frau Holle beobachtete ob Ordnung im Haus gehalten wurde, Gebote beachtet wurden und ob nur das Nötigste gearbeitet wurde. Sie hatte auf alles ein Auge und „wohnte“ im Holunderbusch, welcher eine sehr beschützende und stärkende Pflanze für das Gut war. Die Menschen waren den Naturkräften viel näher als wir das heute sind und ehrten so den Zugang zu den Naturkräften. Denn sie konnten nur MIT der Natur leben und waren abhängig davon, die Zeichen deuten zu können. So beobachtete man viel und die Sinne waren viel feiner, bzw. waren ja auch die Lebensrhythmen mit den Rhythmen der Natur verbunden.

Wenn es dunkel wurde ruhte man, wenn es hell war arbeitete man!

Es ist Ruhezeit und Rückzugszeit um Kräfte zu sammeln für den Neubeginn im Frühjahr. Regeneration und Erholung, Rückschau und Neuausrichtung sind unsere Bedürfnisse in dieser dunklen Jahreszeit.

Man überliefert, dass man in diesen Tagen mit den Tieren reden konnte und Orakel, Visionen und Zukunftsdeutungen möglich waren. Es war eine magische und mystische Zeit, um die sich viele Mythen und Legenden drehten.
Die jedoch auch mit vielerlei Angst und Furcht besetzt war, da sie für das neue Jahr und die Zukunft die Samen setzten. So wurden viele Gebote und Verbote aufgestellt, überliefert und strikt eingehalten um das Schicksal gütig zu stimmen.

Man vermied Kreuzungen und las aus Zwiebeln das Wetter, man hörte den Tieren zu was sie über die Zukunft im Huas wissen, man bat in der Thomasnacht nackt auf einem Schemel stehend einen Blick auf den Zukünftigen, man warf Schuhe, ob man das Haus verlassen müsse oder bleiben kann, usw….

Die Träume waren intensiver und ließen die Zukunft erahnen. So schrieb man die Träume auf, denn viele dieser Träume wurden wahr oder enthielten eine wichtige Botschaft für die Zukunft des Träumenden. (z.B. zukünftiger Ehemann). Besonders die Träume der Thomasnacht hatten ein große Bedeutung.

PHOTO-2020-12-21-14-59-50

Ein besonderes Augenmerk hatte man auf das Wetter. Die älteste Generation überwachte und notierte alles ganz genau, denn davon hing die Planung des Säens und Erntens im neuen Jahr ab. Ebenso wurde jedes Detail der Raunacht beachtet und als schlechtes Omen oder gutes Zeichen gedeutet
Vielerorts rechnete man den ersten 6 Raunächten das Alte zu und nutzte sie zum Auflösen, Abschließen und Altes gehen lassen.
Die anderen 6 Raunächte waren der Zukunft und den Träumen, Zielen und Wünschen gewidmet.
Man ehrte besonders die Ahnen und schmückte ihnen ein Ahnentischchen, das mit Bildern, Kerzen und Essensresten des Festmahls bestückt wurde. Manchmal ließ ,an auch über Nacht am großen Stubentisch ein Gedeck mit Essen für die Ahnen stehen, damit sie sich in der Nacht laben konnten.
Im Vorfeld schon wurden Projekte beendet und keine neuen begonnen um dies zu symbolisieren. Ebenso wurden Werkstätten und Werkzeug gut sortiert und repariert. Geliehenes wurde zurückgegeben oder zurückgeholt, Schulden begleichen und offene Rechnungen bezahlt. Es wurde geordnet und alles blitzeblank geputzt.
Streitigkeiten wurden aus der Welt geschafft und ausgesprochen.
So wurde nichts mit ins neue Jahr hinübergenommen, was man nicht mehr brauchte.

PHOTO-2020-12-21-15-07-56
Und die Menschen konnten die Raunachttage auch als die schönste Zeit im harten Bauernsjahr er-leben und genießen. Denn es galt so wenig wie möglich zu arbeiten, sondern sich zu erholen, zu regenerieren und es sich gut gehen zu lassen. Miteinander zu feiern, sich Geschichten erzählen und Musizieren. Sogar die Knechte und Mägde durften mit in die gute Stube. Es wurde reichlich gegessen, von all den Geschaffenem im letzten Jahr. Man nutzte die Tage um Rückschau zu halten, zu ruhen und das neue Jahr segensreich einzuladen. Hierzu wurden vielerlei Rituale und Opfergaben gelebt, um die Götter gütig zu stimmen, Unheil abzuhalten und um Schutz und Segen einzuladen. Diese wurden nur mündlich von den Ältesten weitergegeben Aber es gab auch zwei Wandlungstage, an denen man das Schicksal bei Einhaltung aller Gebote und Verbote gütlich stimmen könnte und Verfehlungen der vorherigen Tage wandeln konnte. Diese Tage sind der 28.Dezember und der 5.Januar……also zusätzliche Chance
VERBOTE – Türen schlagen – Streit – Fluchen – Arbeiten – nur das Nötigste – Es durfte sich kein Rad drehen ( Spinnen ) – Glücksspiel mit Karten oder Geld – Bei Dunkelheit nicht ausser Haus gehen – Feuer durfte nicht ausgehen – Keine Haare und Nägel schneiden – Kein Karten und Glücksspiel vor allem nicht um Geld
GEBOTE – Bittenden geben – Schulden begleichen – Aussöhnen – Räuchern an den 4 Hoch-Tagen – Räuchern am 6.Januar – Opfergaben an die Götter und an Frau Holle – Extraportion Futter für die Tiere im Stall und Segnung – Ein Licht in das Fenster stellen für die Ahnen und um herumirrenden Geistern zu zeigen, hier ist Leben – Geschichten erzählen – Miteinander feiern – Ordnung halten – Ehren von Verstorbenen dieses Jahres und dazu wurde eine besondere Ahnenecke geschmückt – Grundstück wurde umstellt an den 4 Ecken mit Licht
PHOTO-2020-12-21-15-09-36

Auch heute noch können wir auf wundersame und magische Art und Weise die Raunächte leben und er-LEBEN. Es ist eine Zeit der bewussten Rückschau und des Innehaltens, des Ruhens und Regenerierens um Kraft zu haben für das was kommt. Ebenso laden uns diese Tage ein, besonnen und achtsam unser Leben zu überdenken und uns neu zu fokussieren, wohin unser Weg gehen soll. Die Träume und Wünsche dürfen wiederentdeckt und genährt werden.
Notiere alles, was Dir wichtig erscheint. Reinige Dich und Deine Räume durch Räuchern und begrüße mit Segenswünschen das neue Jahr.
Es bietet sich an – auch in unserer modernen und schnellen Welt – in diesen Tagen langsamer zu werden, die Stille in uns wahrzunehmen und sich auf das zu konzentrieren, was unser Herz uns sagen will. Denn an keinem Zeitpunkt im Jahr sind wir uns näher als in diesen geweihten und heiligen Nächten.
So wünsche ich Dir genauso viele wundervolle Momente, wie ich sie seit Jahren erleben darf. Genieße den Zauber und die Magie dieser „Zeit ohne Zeit“ mit viel Bewusstheit und Dankbarkeit.

PHOTO-2020-12-21-15-10-13

 

Bilder: Adelheid Koch

>>